Weininvestment: 7 Kriterien für die Weinauswahl

So prüfen Sie systematisch, ob ein Fine Wine für den internationalen Sekundärmarkt geeignet ist

True Wine Redaktion 6 Min. Lesezeit Investment
Weininvestment: 7 Kriterien für die Weinauswahl
Ein berühmtes Etikett, eine hohe Bewertung oder ein außergewöhnlicher Jahrgang machen einen Wein noch nicht automatisch zu einem guten Investment. Entscheidend ist, ob sich die Flasche später zu einem angemessenen Preis wieder verkaufen lässt.
Dafür müssen mehrere Faktoren zusammenkommen: internationale Nachfrage, ein funktionierender Sekundärmarkt, ein vernünftiger Einstiegspreis, zweifelsfreie Provenienz und professionelle Lagerung. Ebenso wichtig sind die Kosten und der geplante Verkaufsweg.
Die folgenden sieben Kriterien helfen dabei, einen Wein vor dem Kauf systematisch zu prüfen.

1. Markt und Liquidität

Die erste Frage sollte nicht lauten: „Ist dieser Wein gut?“, sondern: „Gibt es für diesen Wein einen funktionierenden Markt?“
Viele ausgezeichnete Weine sind nur regional bekannt oder werden so selten gehandelt, dass keine belastbare Preisbildung entsteht. Für ein Investment braucht es genügend potenzielle Käufer, nachvollziehbare Preise und wiederkehrende Transaktionen.
Hinweise auf einen funktionierenden Sekundärmarkt sind:
  •  regelmäßige Angebote bei mehreren Händlern, 
  •  echte Kaufgebote, 
  •  dokumentierte Auktionsergebnisse, 
  •  Handel über verschiedene Länder, 
  •  und die Berücksichtigung in anerkannten Marktindizes. 
Der Liv-ex Fine Wine 100 bildet 100 besonders gefragte Weine mit einem starken Sekundärmarkt ab. Der Fine Wine 1000 verfolgt insgesamt 1.000 Weine aus mehreren Regionen. Die Aufnahme in einen Index ist kein Kaufsignal, kann aber auf eine gewisse Marktbreite hinweisen.
Ein Wein, der theoretisch einen hohen Wert besitzt, aber kaum Käufer findet, ist für ein Investment nur eingeschränkt geeignet.

2. Erzeuger und Markenstärke

Im Fine-Wine-Markt spielt der Erzeuger eine zentrale Rolle. Etablierte Namen besitzen einen Vertrauensvorsprung, eine dokumentierte Geschichte und häufig eine internationale Verteilung.
Besonders relevant sind Produzenten, deren Weine über viele Jahrgänge nachgefragt werden. Dazu zählen unter anderem führende Châteaux aus Bordeaux, renommierte Domaines aus dem Burgund, große Champagnerhäuser sowie ausgewählte Erzeuger aus Italien, Kalifornien, Spanien, Australien und Deutschland.
Eine starke Marke allein genügt jedoch nicht. Anleger sollten prüfen:
  •  Seit wann wird der Wein international gehandelt? 
  •  Ist die Nachfrage auf mehrere Länder verteilt? 
  •  Werden nur einzelne Spitzenjahrgänge gesucht oder auch normale Jahre? 
  •  Gibt es ausreichend viele Käufer? 
  •  Ist die Preisentwicklung nachvollziehbar? 
Ein kurzfristig modischer Wein kann spektakuläre Preissteigerungen erleben, aber ebenso schnell an Aufmerksamkeit verlieren. Eine über Jahrzehnte gewachsene Nachfrage ist häufig belastbarer.

3. Jahrgang, Qualität und Lagerfähigkeit

Der Jahrgang beeinflusst Qualität, Stil, Produktionsmenge und Reifepotenzial. Besonders gute Jahre können eine breite Nachfrage erzeugen. Schwächere Jahrgänge können wiederum interessant sein, wenn sie deutlich günstiger angeboten werden und der Erzeuger trotzdem überzeugende Qualität erreicht hat.
Kritikerbewertungen bieten Orientierung, sollten aber nicht isoliert betrachtet werden. Eine hohe Punktzahl garantiert weder eine Wertsteigerung noch einen liquiden Markt. Außerdem können sich Bewertungen verschiedener Kritiker deutlich unterscheiden.
Wichtig sind insbesondere:
  •  Qualität und Ruf des Jahrgangs, 
  •  Stil und Leistung des konkreten Erzeugers, 
  •  Produktions- und Abfüllmenge, 
  •  erwartetes Trinkfenster, 
  •  sowie die bisherige Preisstellung gegenüber benachbarten Jahrgängen. 
Für ein langfristiges Investment muss der Wein ausreichend lagerfähig sein. Nähert sich eine Flasche dem Ende ihres Trinkfensters, kann die Nachfrage sinken. Gleichzeitig können perfekt gereifte Weine besonders attraktiv werden, wenn nur noch wenige gut erhaltene Flaschen verfügbar sind.

4. Einstiegspreis und relative Bewertung

Auch der beste Wein kann ein schlechtes Investment sein, wenn der Kaufpreis zu hoch ist. Anleger sollten deshalb nicht nur fragen, welcher Wein begehrt ist, sondern ob er zum aktuellen Preis attraktiv erscheint.
Verglichen werden sollten:
  •  aktuelle Händlerangebote, 
  •  vorhandene Kaufgebote, 
  •  zuletzt ausgeführte Verkäufe, 
  •  Auktionsresultate, 
  •  Preise ähnlicher Jahrgänge, 
  •  und gegebenenfalls die ursprünglichen Freigabepreise. 
Dabei muss auf identische Einheiten geachtet werden. Eine einzelne Flasche ist nicht direkt mit einer Zwölferkiste vergleichbar. Auch Flaschenformat, Steuerstatus, Lagerort und Zustand verändern den Preis.
Liv-ex verwendet für seine Indizes einen sogenannten Mid Price. Dieser wird grundsätzlich aus dem höchsten Kaufgebot und dem niedrigsten Verkaufsangebot abgeleitet; unter bestimmten Voraussetzungen kann eine aktuelle Transaktion berücksichtigt werden. Diese Methodik zeigt, warum eine belastbare Bewertung beide Marktseiten benötigt. Ein reiner Angebotspreis beweist noch nicht, dass ein Käufer zu diesem Niveau existiert.

5. Provenienz und Echtheit

Bei seltenen Weinen ist Provenienz keine Zusatzinformation, sondern ein Teil des Wertes. Sie beschreibt, woher eine Flasche stammt, wann sie gekauft, wie sie gelagert und über welche Stationen sie weitergegeben wurde.
Eine gute Provenienz kann belegt werden durch:
  •  Originalrechnungen, 
  •  direkte Zuteilungen vom Erzeuger, 
  •  Unterlagen renommierter Händler, 
  •  Einlagerungs- und Versicherungsnachweise, 
  •  geschlossene Originalkisten, 
  •  und eine dokumentierte Eigentumshistorie. 
Besondere Vorsicht ist bei außergewöhnlich alten Flaschen, seltenen Großformaten und überraschend günstigen Angeboten geboten. Auch eine bekannte Auktionsherkunft ersetzt nicht jede eigene Prüfung.
Die Fälschungsfälle um Hardy Rodenstock und Rudy Kurniawan zeigten, wie weit vermeintliche Expertise und eine überzeugende Geschichte den Markt beeinflussen können. Ein spektakulärer Fund ohne überprüfbare Herkunft ist eher ein Warnsignal als ein Qualitätsmerkmal.

6. Zustand und Lagerung

Selbst ein echter Wein mit guter Herkunft kann durch falsche Lagerung erheblich an Wert verlieren. Vor dem Kauf sollten deshalb Flasche und Ausstattung geprüft werden.
Wichtige Merkmale sind:
  •  Füllstand, 
  •  Zustand des Korkens, 
  •  Spuren von ausgetretenem Wein, 
  •  Farbe und Klarheit des Inhalts, 
  •  Zustand von Etikett und Kapsel, 
  •  sowie mögliche Temperaturschäden. 
Bei älteren Weinen ist ein gewisser Rückgang des Füllstands normal. Er muss jedoch zum Alter und Flaschentyp passen. Auffällige Abweichungen können auf Undichtigkeit oder problematische Lagerung hinweisen.
Christie’s nennt unter anderem niedrige Füllstände, Auslaufen, ungünstige Farbveränderungen und geschrumpfte Korken als sichtbare Warnzeichen. Temperaturschwankungen gelten als eine der häufigsten Ursachen.
Nach dem Kauf sollte der Wein professionell, dunkel, erschütterungsarm und bei möglichst stabiler Temperatur gelagert werden. Die Lagerhistorie muss fortgeführt werden, damit der spätere Käufer ihr vertrauen kann.
Bei einer frühzeitig begonnenen Tokenisierung der Weinflasche können Provenienz, Einlagerung, Lagerbedingungen und spätere Eigentumswechsel gemeinsam dokumentiert werden.

7. Kosten, Anlagehorizont und Exit

Die Rendite ergibt sich nicht aus der Differenz zwischen einem veröffentlichten Kauf- und Verkaufspreis. Berücksichtigt werden müssen sämtliche Kosten:
  •  Händleraufschläge, 
  •  Lagerung und Versicherung, 
  •  Transport, 
  •  Zustandsprüfungen, 
  •  Auktions- oder Plattformgebühren, 
  •  Verkaufsprovisionen, 
  •  sowie mögliche Steuern und Zölle. 
Je kleiner die Position, desto stärker können fixe Kosten ins Gewicht fallen. Auch die Liquidität muss realistisch eingeschätzt werden. Ein Verkauf zum gewünschten Preis kann Wochen oder Monate dauern.
Vor dem Kauf sollte daher ein möglicher Exit feststehen:
  •  Kann der Wein über denselben Händler zurückverkauft werden? 
  •  Besteht Zugang zu einer internationalen Handelsplattform? 
  •  Kommt eine Auktion infrage? 
  •  Welche Mindestmengen oder Gebinde werden verlangt? 
  •  Welche Gebühren fallen beim Verkauf an? 
  •  Wie lange soll der Wein voraussichtlich gehalten werden? 
Eine Investition ohne realistischen Verkaufsweg ist lediglich eine wertvolle Sammlung mit ungewissem Marktpreis.

Praktische Prüfreihenfolge

Vor einer Kaufentscheidung empfiehlt sich folgende Reihenfolge:
  1.  Sekundärmarkt und reale Nachfrage prüfen. 
  2.  Erzeuger und langfristige Markenstärke bewerten. 
  3.  Jahrgang, Qualität und Trinkfenster einordnen. 
  4.  Einstiegspreis mit Geboten und Vergleichsjahrgängen abgleichen. 
  5.  Provenienz und Echtheit dokumentieren. 
  6.  Zustand und bisherige Lagerung kontrollieren. 
  7.  Gesamtkosten, Haltedauer und Verkaufskanal berechnen. 
Scheitert ein Wein bereits an Markt, Provenienz oder Zustand, sollten gute Bewertungen und ein attraktiver Preis nicht über diese Schwächen hinwegtäuschen.

Fazit

Ein Investmentwein muss mehr bieten als hohe Qualität. Er braucht einen funktionierenden Markt, eine starke und dauerhafte Nachfrage, ausreichendes Reifepotenzial und einen nachvollziehbaren Preis.
Provenienz, Zustand und Lagerung entscheiden darüber, ob der Marktwert später tatsächlich realisiert werden kann. Ebenso wichtig ist der Exit: Wer vor dem Kauf nicht weiß, wie und zu welchen Kosten der Wein wieder verkauft werden kann, kennt die wirtschaftliche Qualität seines Investments nicht.

Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar.