Bordeaux bildet seit Jahrzehnten das Fundament des internationalen Fine-Wine-Marktes. Die großen Châteaux verfügen über bekannte Klassifikationen, vergleichsweise hohe Produktionsmengen und eine lange dokumentierte Preisgeschichte. Für Käufer und Sammler ist Bordeaux dadurch leichter zugänglich als viele andere Herkunftsgebiete.
Der Investmentmarkt ist heute jedoch deutlich breiter. Burgund, die Champagne, die Toskana und weitere Regionen werden regelmäßig international gehandelt. Liv-ex bildet diese Entwicklung unter anderem mit regionalen Indizes für Burgund, die Champagne, die Rhône, Italien, Kalifornien und weitere Teile der Welt ab.
Eine größere regionale Auswahl bedeutet allerdings nicht, dass jeder teure Wein aus diesen Gebieten als Kapitalanlage geeignet ist. Entscheidend bleiben Marke, Jahrgang, Nachfrage, Provenienz, Lagerung und Wiederverkäuflichkeit.
1. Burgund: maximale Knappheit und hohe Einstiegspreise
Burgund gehört neben Bordeaux zum etablierten Kern des Fine-Wine-Marktes. Die wirtschaftliche Logik unterscheidet sich jedoch deutlich: Während führende Bordeaux-Châteaux teilweise erhebliche Mengen produzieren, entstehen viele Spitzenburgunder nur in wenigen Fässern.
Die extreme Aufteilung der Weinberge und die kleinen Parzellen begrenzen das Angebot. Besonders gefragt sind Weine renommierter Domaines aus Grand-Cru- und ausgewählten Premier-Cru-Lagen.
Zu den international bekannten Namen gehören:
- Domaine de la Romanée-Conti,
- Domaine Leroy,
- Armand Rousseau,
- Georges Roumier,
- Coche-Dury,
- Domaine Leflaive,
- sowie Comte Georges de Vogüé.
Die Knappheit kann die Preisentwicklung unterstützen, erzeugt aber auch Risiken. Hohe Einstiegspreise, geringe Handelsmengen und starke Schwankungen einzelner Weine erschweren die Diversifikation. Außerdem sind bekannte Burgunder besonders fälschungsgefährdet.
Der Liv-ex Burgundy 150 verfolgt die Entwicklung ausgewählter roter und weißer Burgunder. Auch dieser Index zeigt, dass starke langfristige Phasen von deutlichen Marktkorrekturen unterbrochen werden können. Burgund sollte daher nicht automatisch mit stetig steigenden Preisen gleichgesetzt werden.
2. Champagne: starke Marken und gute Wiedererkennbarkeit
Jahrgangschampagner hat sich zu einem eigenständigen Segment des Sekundärmarktes entwickelt. Im Unterschied zu vielen stillen Weinen profitieren die führenden Häuser von weltweit bekannten Marken und einer breiten Nachfrage, die nicht nur von klassischen Weinsammlern getragen wird.
Besonders relevant sind unter anderem:
- Dom Pérignon,
- Krug,
- Louis Roederer Cristal,
- Salon,
- Pol Roger Cuvée Sir Winston Churchill,
- Taittinger Comtes de Champagne,
- und Bollinger La Grande Année.
Für Anleger kann Champagne durch ihre hohe Markenbekanntheit und vergleichsweise standardisierte Produktstruktur interessant sein. Die großen Häuser erzeugen allerdings oft deutlich mehr Flaschen als eine kleine Domaine im Burgund. Knappheit entsteht deshalb vor allem bei begehrten Jahrgängen, späten Freigaben, Rosé-Ausgaben oder seltenen Sonderformaten.
Der Champagne 50 gehört zu den regionalen Teilindizes des Liv-ex Fine Wine 1000 und verfolgt aktiv gehandelte Jahrgangschampagner. Vergangene Kursgewinne dürfen jedoch nicht einfach in die Zukunft fortgeschrieben werden.
3. Toskana: international etablierte Marken
Die Toskana zählt zu den liquidesten italienischen Herkunftsgebieten. Einen großen Anteil daran haben die sogenannten Super Tuscans, die sich früh an ein internationales Publikum richteten und häufig über Bordeaux-typische Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot verfügen.
Zu den bekanntesten Namen gehören:
- Sassicaia,
- Ornellaia,
- Solaia,
- Masseto,
- Tignanello,
- und Redigaffi.
Daneben spielt Brunello di Montalcino eine wichtige Rolle. Besonders gesuchte Erzeuger wie Biondi-Santi, Soldera oder ausgewählte traditionelle und moderne Brunello-Produzenten können eine internationale Sammlernachfrage erreichen.
Im Jahr 2026 verzeichnete Liv-ex in einzelnen Handelswochen einen hohen Anteil toskanischer Weine am gehandelten Gesamtwert. Solche Wochenwerte zeigen Marktaktivität, sollten aber nicht als dauerhafte Renditeprognose interpretiert werden.
Die Stärke der Toskana liegt in bekannten Marken, einer breiten internationalen Verteilung und teilweise größeren verfügbaren Mengen. Dadurch kann der Handel einfacher sein als bei extrem seltenen Weinen.
4. Piemont: Barolo und Barbaresco im Fokus
Im Piemont konzentriert sich der Investmentmarkt vor allem auf Barolo und Barbaresco aus der Rebsorte Nebbiolo. Die besten Weine verbinden lange Lagerfähigkeit mit klar definierten Lagen und traditionsreichen Erzeugern.
International gesucht werden beispielsweise Weine von:
- Giacomo Conterno,
- Bartolo Mascarello,
- Giuseppe Rinaldi,
- Bruno Giacosa,
- Gaja,
- Roagna,
- und Vietti.
Piemont kann im Vergleich zu den teuersten Burgundern einen niedrigeren Einstieg ermöglichen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch ein besseres Renditepotenzial. Viele Weine werden nur selten gehandelt, und die Preisunterschiede zwischen Erzeugern, Lagen und Jahrgängen sind erheblich.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen der Zustand älterer Flaschen und die Provenienz. Traditionell gereifte Barolo und Barbaresco verbringen viele Jahre im Keller; eine ungeklärte Lagerhistorie kann ihren Wert deutlich reduzieren.
5. Rhône: große Namen in einem schmalen Markt
Die Rhône besitzt international anerkannte Spitzenweine, bleibt als Investmentsegment aber vergleichsweise konzentriert. Im nördlichen Teil dominieren Syrah-Weine aus Hermitage und Côte-Rôtie. Im Süden steht Châteauneuf-du-Pape im Mittelpunkt.
Zu den wichtigsten Namen zählen:
- Jean-Louis Chave,
- E. Guigal,
- Paul Jaboulet Aîné,
- Auguste Clape,
- Thierry Allemand,
- Château Rayas,
- und Henri Bonneau.
Besonders Château Rayas besitzt eine außergewöhnlich starke Sammlernachfrage. Einzelne Kultweine dürfen jedoch nicht mit der gesamten Region gleichgesetzt werden.
Der Liv-ex Rhône 100 verfolgt jeweils fünf ausgewählte Weine aus der nördlichen und südlichen Rhône über mehrere Jahrgänge. Die vergleichsweise geringe Zahl international stark gehandelter Marken macht eine sorgfältige Auswahl besonders wichtig.
6. Kalifornien: Kultweine mit globaler Nachfrage
Kalifornien ist das wichtigste Fine-Wine-Gebiet der USA. Im Investmentmarkt dominieren vor allem Cabernet-Sauvignon-basierte Weine aus dem Napa Valley sowie wenige etablierte Produzenten aus anderen Gebieten.
Bekannte Namen sind:
- Screaming Eagle,
- Harlan Estate,
- Opus One,
- Dominus,
- Scarecrow,
- Ridge Monte Bello,
- und Sine Qua Non.
Der California 50 von Liv-ex verfolgt die zehn jüngsten physischen Jahrgänge von Screaming Eagle, Opus One, Dominus, Harlan Estate und Ridge Monte Bello.
Kalifornische Kultweine profitieren von hohen Bewertungen, kleinen Zuteilungen und einer kaufkräftigen US-Kundschaft. Gleichzeitig kann ihre Nachfrage stärker auf einzelne Marken konzentriert sein. Für europäische Käufer kommen mögliche Währungs-, Import- und Steuerfragen hinzu.
7. Spanien: Vega Sicilia als internationaler Taktgeber
Spanien verfügt über eine große Weinproduktion, doch nur wenige Marken erreichen eine kontinuierliche internationale Sekundärmarktnachfrage. Die wichtigste Referenz ist Vega Sicilia mit Único und seinen weiteren Weinen.
Daneben können unter anderem Pingus, L’Ermita, La Rioja Alta, López de Heredia sowie ausgewählte traditionelle Rioja-Erzeuger für Sammler interessant sein. Nicht jeder hochwertige spanische Wein besitzt jedoch ausreichende Handelsaktivität für ein Investment.
Spanien kann attraktive Einstiegspreise bieten, ist aber weniger standardisiert als Bordeaux, Champagne oder die Toskana. Anleger sollten deshalb genau prüfen, ob für einen konkreten Wein tatsächlich regelmäßig Käufer auftreten.
Was ist mit Australien und Deutschland?
Australien ist vor allem durch Penfolds Grange und wenige weitere Spitzenweine international sichtbar. Penfolds Grange gehört gemeinsam mit Weinen aus Spanien, Chile und den USA zum Liv-ex Rest of the World 60.
Deutschland besitzt mit Rieslingen von Egon Müller, Keller, Joh. Jos. Prüm und weiteren Spitzenbetrieben international gesuchte Weine. Der Markt ist jedoch schmaler und stark auf einzelne Erzeuger, Lagen, Prädikate und Auktionsergebnisse konzentriert.
Beide Länder können für spezialisierte Sammler interessant sein, bilden aber noch keinen so breiten Sekundärmarkt wie die etablierten Kernregionen.
So wählen Anleger eine Region aus
Eine Region allein ist kein ausreichendes Auswahlkriterium. Vor dem Kauf sollten mindestens folgende Fragen beantwortet werden:
- Wird der konkrete Wein regelmäßig gehandelt?
- Gibt es nachvollziehbare Marktpreise und tatsächliche Verkäufe?
- Wie groß ist die internationale Nachfrage?
- Welche Jahrgänge und Formate werden bevorzugt?
- Ist die Provenienz vollständig dokumentiert?
- Wurde der Wein professionell gelagert?
- Welche Lager-, Handels- und Verkaufskosten entstehen?
- Über welchen Kanal kann die Position später verkauft werden?
Ein Portfolio sollte außerdem nicht nur aus verschiedenen Etiketten desselben Erzeugers bestehen. Eine echte Diversifikation berücksichtigt Regionen, Produzenten, Jahrgänge, Preisstufen und Trinkfenster.
Fazit
Der Fine-Wine-Markt reicht heute deutlich über Bordeaux hinaus. Burgund und Champagne sind etablierte internationale Segmente. Die Toskana und das Piemont haben sich fest im Sekundärmarkt positioniert. Rhône, Kalifornien und Spanien bieten weitere Möglichkeiten, besitzen aber teilweise eine geringere Marktbreite.
Die Herkunft kann eine erste Orientierung liefern. Investierbar wird ein Wein jedoch erst, wenn Reputation, Nachfrage, Knappheit, Zustand, Provenienz und Lagerung zusammenpassen. Entscheidend ist nicht, die vermeintlich nächste Trendregion zu erraten, sondern Weine zu wählen, für die auch Jahre später ein belastbarer Markt bestehen kann.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar.