Württemberg nimmt innerhalb Deutschlands eine besondere Stellung ein. Während in vielen deutschen Anbaugebieten Weißwein dominiert, ist die Region vor allem für ihre Rotweine bekannt. Trollinger, Lemberger und Spätburgunder prägen das Bild, ergänzt durch Riesling und weitere weiße Rebsorten.
Das kontinentale Klima sorgt für deutliche Unterschiede zwischen den Jahren. Warme Sommer fördern die Reife der roten Trauben, können aber Säure und Frische reduzieren. Kühle Jahrgänge stellen Lemberger und Spätburgunder vor größere Herausforderungen, bieten Riesling jedoch häufig eine präzise Struktur.
Eine Jahrgangsbewertung muss deshalb Rebsorte, Lage und Weinstil berücksichtigen. Ein großer Lemberger benötigt andere Bedingungen als ein leichter Trollinger oder ein trockener Riesling.
Was macht einen großen Württemberg-Jahrgang aus?
Viele Weinberge liegen entlang des Neckars und seiner Nebenflüsse. Steile Hänge, Flusstäler und unterschiedliche Höhenlagen schaffen zahlreiche Mikroklimata. Die Böden reichen von Muschelkalk und Keuper bis zu Mergel und vulkanischen Formationen.
Lemberger benötigt eine lange Vegetationsperiode, damit Frucht, Gerbstoffe und Kerne vollständig ausreifen. Spätburgunder profitiert von Wärme, verliert bei übermäßiger Reife aber an Eleganz. Trollinger ist leichter und wird meist früher getrunken.
Riesling braucht genügend Wärme für reife Aromen, gleichzeitig aber kühle Nächte und ausreichende Säure. Die besten Jahrgänge verbinden deshalb einen warmen Sommer mit einem trockenen, nicht zu heißen Herbst.
Historische Jahrgänge: 1971, 1976, 1983 und 1990
Zu den bedeutenden älteren Württemberg-Jahrgängen zählen 1971, 1976, 1983 und 1990. In diesen Jahren entstanden zahlreiche reife Prädikatsweine und kräftige Rotweine.
Besonders 1990 war für rote Rebsorten erfolgreich. Gut erzeugte Lemberger und Spätburgunder besaßen genügend Konzentration für eine längere Entwicklung. Heute sind allerdings nur noch wenige Flaschen in einwandfreiem Zustand.
Bei derart alten Weinen entscheiden Lagerung, Füllstand und Verschluss stärker über die Qualität als die historische Bewertung des Jahrgangs.
2009 und 2011: Reife und zugängliche Frucht
2009 war warm und brachte reife, konzentrierte Trauben hervor. Lemberger profitierte besonders und entwickelte dunkle Beeren, Gewürze und kräftige Gerbstoffe. Auch Spätburgunder konnte in geeigneten Lagen ausgezeichnet gelingen.
2011 war ebenfalls früh und warm. Viele Rotweine zeigen eine offene Frucht, weichere Strukturen und eine vergleichsweise frühe Zugänglichkeit. Riesling fällt häufig reif und aromatisch aus.
Die besten Weine beider Jahre können noch Freude bereiten. Bei einfacheren Abfüllungen ist der optimale Trinkzeitpunkt meist überschritten.
2015: Ein starkes Jahr für Rotwein
Der warme und trockene Jahrgang 2015 ermöglichte eine hohe physiologische Reife. Lemberger entwickelte intensive Frucht, Farbe und reife Gerbstoffe. Spätburgunder zeigt häufig mehr Fülle als in kühleren Jahren.
Gute Erzeuger bewahrten genügend Säure, um die Kraft des Jahrgangs auszugleichen. Riesling konnte konzentrierte, ausdrucksstarke Weine hervorbringen, wobei kühlere Lagen im Vorteil waren.
Viele hochwertige Rotweine befinden sich heute in einer attraktiven Reifephase. Spitzen-Lemberger und Spätburgunder können weiterhin gelagert werden.
2016 und 2017: Harmonie oder geringe Mengen
Nach einem schwierigen Beginn sorgte ein günstiger Herbst 2016 für gesunde und aromatische Trauben. Die Weine besitzen häufig klare Frucht und eine ausgewogene Struktur. Riesling wirkt frischer als 2015, während die Rotweine etwas weniger kraftvoll ausfallen.
Frühjahrsfrost reduzierte 2017 die Erntemenge erheblich. Die verbliebenen Trauben konnten jedoch konzentrierte Weine ergeben. Gute Rieslinge verbinden Frucht und Säure, während hochwertige Rotweine Dichte und aromatische Klarheit zeigen.
Wegen der kleinen Produktion sind Spitzenweine aus 2017 vergleichsweise selten.
2018: Wärme, hohe Reife und kräftige Rotweine
2018 war außergewöhnlich warm und trocken. Ausreichende Niederschläge in entscheidenden Phasen halfen vielen Weinbergen, die Trockenheit zu überstehen.
Lemberger und Spätburgunder erreichten hohe Reifegrade. Die Weine zeigen dunkle Frucht, Kraft und häufig weiche Gerbstoffe. Bei zu später Lese konnten allerdings hohe Alkoholwerte und eine geringere Frische entstehen.
Riesling fällt reif, gelbfruchtig und zugänglich aus. Die besten Weine besitzen genügend Säure für eine weitere Entwicklung; leichtere Exemplare sollten eher früher getrunken werden.
2019 und 2020: Zwei starke moderne Jahrgänge
2019 verbindet Reife mit Frische und gilt für viele hochwertige Württemberger Weine als besonders ausgewogen. Lemberger zeigt intensive Frucht, feine Würze und strukturierte Gerbstoffe. Spätburgunder besitzt häufig mehr Präzision als 2018.
Auch Riesling profitierte von der Balance. Gute Weine verbinden Zitrusfrüchte, Steinobst und mineralisch wirkende Spannung.
2020 war erneut warm und früh. Die Weine wirken reifer und unmittelbarer. Gute Lemberger besitzen Konzentration und Tiefe, während rechtzeitig gelesene Rieslinge ihre Frische bewahren konnten.
2021 und 2022: Kühler Klassiker trifft warmes Jahr
2021 war kühl, feucht und anspruchsvoll. Eine sorgfältige Arbeit im Weinberg und strenge Traubenselektion waren entscheidend. Gelungene Rieslinge besitzen lebendige Säure und einen klassischen, schlanken Stil.
Bei den Rotweinen ist die Qualität stärker vom Erzeuger abhängig. Gute Lagen brachten duftige Spätburgunder und würzige Lemberger hervor, doch nicht überall wurde die gleiche Reife erreicht.
2022 war heiß und trocken. Alte Reben und tiefgründige Böden waren im Vorteil. Lemberger und Spätburgunder zeigen reife Frucht und kräftige Strukturen. Die besten Rieslinge verbinden Konzentration mit überraschender Frische.
Welche Württemberg-Jahrgänge sollte man kaufen?
Für kraftvollen Lemberger und Spätburgunder bieten sich besonders 2009, 2015, 2018, 2019, 2020 und 2022 an. Wer einen etwas kühleren, eleganteren Stil bevorzugt, sollte nach 2016, 2017 oder gelungenen 2021ern suchen.
Bei Riesling sind 2016, 2017, 2019 und 2021 für Frische und Präzision interessant. Die Jahre 2015, 2018, 2020 und 2022 liefern meist reifere, kräftigere Weine.
Trollinger ist normalerweise für den frühen Genuss gedacht. Hochwertige Lemberger und Spätburgunder können zehn bis fünfzehn Jahre, Spitzenweine auch länger reifen. Große trockene Rieslinge besitzen häufig ein ähnliches Potenzial.
Erzeuger und Lage bleiben entscheidend
Württemberg hat sich qualitativ stark entwickelt. Moderne Spitzenweine sind präziser, konzentrierter und lagerfähiger als viele frühere Abfüllungen.
Eine Jahrgangstabelle kann dennoch nur Orientierung bieten. Lage, Erntezeitpunkt, Ertrag und Ausbau bestimmen den Charakter des einzelnen Weins. Wer Jahrgang, Rebsorte und Erzeuger gemeinsam betrachtet, findet in Württemberg sowohl elegante Rieslinge als auch einige der charaktervollsten deutschen Rotweine.