Rheinhessen ist Deutschlands größtes Weinanbaugebiet und zugleich eine seiner vielfältigsten Regionen. Zwischen dem Roten Hang am Rhein, den Kalksteinlagen des Wonnegau und den höher gelegenen Weinbergen im Westen entstehen sehr unterschiedliche Weine.
Riesling spielt bei den Spitzenweinen eine zentrale Rolle. Daneben prägen Silvaner, Burgundersorten und zunehmend hochwertige Spätburgunder das Gebiet. Wegen dieser Vielfalt kann derselbe Jahrgang je nach Lage und Rebsorte vollkommen unterschiedlich ausfallen.
Warme Jahre fördern die Reife und Konzentration, können aber Säure und Frische reduzieren. Kühle Jahre bringen häufig präzisere Rieslinge hervor, stellen Rotweinsorten jedoch vor größere Herausforderungen.
Was macht einen großen Rheinhessen-Jahrgang aus?
Die besten Jahrgänge verbinden gesunde Trauben mit vollständiger Reife, klarer Säure und einem trockenen Leseverlauf. Der Zeitpunkt der Ernte ist entscheidend: Riesling benötigt genügend Zeit für reife Frucht, darf aber nicht an Spannung verlieren.
Die unterschiedlichen Böden reagieren verschieden auf Wärme und Trockenheit. Kalkstein kann strukturierte, kühle Weine hervorbringen. Die roten Schieferböden am Rhein speichern Wärme und fördern eine frühe Reife. Tiefgründigere Böden besitzen in trockenen Jahren Vorteile bei der Wasserversorgung.
Auch Erzeuger und Lage haben einen enormen Einfluss. In starken Betrieben können aus schwierigen Jahren bemerkenswert gute Weine entstehen.
2007: Lange Reife und harmonische Weine
2007 besaß eine lange Vegetationsperiode und günstige Bedingungen während der Lese. Die Trauben konnten langsam ausreifen und ihre Säure bewahren.
Riesling zeigt häufig klare Frucht, Kräuter und eine ausgewogene Struktur. Hochwertige trockene Lagenweine können noch heute lebendig wirken. Auch edelsüße Weine gelangten in geeigneten Weinbergen gut.
Der Jahrgang ist weniger kraftvoll als 2009 oder 2015, überzeugt dafür mit Harmonie und klassischer Frische.
2009 und 2010: Reife oder extreme Säure
Der warme Jahrgang 2009 brachte konzentrierte, reife Weine hervor. Riesling zeigt gelbe Früchte, Fülle und häufig eine frühere Zugänglichkeit. Spätburgunder profitierte ebenfalls von der Wärme.
2010 war deutlich kühler und brachte kleine Erträge sowie sehr hohe Säurewerte. Gute Erzeuger konnten daraus straffe, langlebige Rieslinge erzeugen. Weniger ausgewogene Weine wirken dagegen hart.
Die beiden Jahre sprechen unterschiedliche Vorlieben an: 2009 für reife Frucht und Fülle, 2010 für Spannung und eine ausgeprägte Säurestruktur.
2011 und 2012: Zugänglichkeit oder Balance
2011 war warm und früh. Die Weine besitzen häufig reife Frucht, moderate Säure und einen offenen Charakter. Riesling fällt großzügig aus, während Spätburgunder gute Reife erreichen konnte.
2012 wirkt meist klassischer und ausgewogener. Die besten Rieslinge verbinden Frucht, Säure und mineralisch wirkende Präzision. Auch Silvaner konnte strukturierte Weine hervorbringen.
Viele 2011er sollten heute getrunken werden. Hochwertige 2012er besitzen häufiger weitere Reserven.
2015 und 2016: Zwei überzeugende Jahrgänge
Der warme und trockene Jahrgang 2015 brachte gesundes, konzentriertes Lesegut hervor. Riesling zeigt reife Frucht und Substanz, während Spätburgunder von der Wärme profitierte.
Die besten Weine besitzen ausreichend Säure und können noch lange reifen. Weniger ausgewogene Exemplare wirken breiter und alkoholreicher.
2016 begann schwierig, wurde aber durch einen günstigen Spätsommer und Herbst gerettet. Die Weine sind häufig duftiger und leichter als 2015, besitzen dafür eine klare Frucht und harmonische Säure.
2017: Kleine Ernte und hohe Konzentration
Frühjahrsfrost und weitere Wetterprobleme reduzierten 2017 die Erntemenge. Die verbliebenen Trauben konnten jedoch unter guten Herbstbedingungen vollständig ausreifen.
Riesling zeigt häufig eine Verbindung aus reifer Frucht, Würze und lebendiger Säure. Silvaner gelang in geeigneten Lagen ebenfalls ausgezeichnet.
Wegen der geringen Produktion sind Spitzenweine selten. Gute 2017er besitzen genügend Konzentration für eine lange Entwicklung.
2018: Reife, Menge und ein großzügiger Stil
2018 war warm, trocken und ertragreich. Viele Weinberge brachten gesunde, vollreife Trauben hervor.
Riesling zeigt gelbe Früchte, Fülle und häufig weichere Säure. Spätburgunder entwickelte Farbe, reife Frucht und kräftige Strukturen. Auch Silvaner fällt vielfach körperreich aus.
Bei sorgfältiger Ertragskontrolle und rechtzeitiger Lese entstanden ausgezeichnete Weine. Weniger präzise Abfüllungen können schwer oder alkoholbetont wirken. Der Jahrgang ist meist früher zugänglich als 2017 oder 2019.
2019: Einer der besten modernen Jahrgänge
2019 verbindet Konzentration, Reife und Frische auf besonders überzeugende Weise. Riesling besitzt klare Frucht, lebendige Säure und mineralisch wirkende Tiefe.
Die besten trockenen Lagenweine sind strukturiert und langlebig. Auch Spätburgunder profitierte von gesunden, reifen Trauben und zeigt häufig eine feinere Balance als 2018.
2019 zählt zu den verlässlichsten modernen Empfehlungen für Rheinhessen. Viele Spitzenweine befinden sich noch am Anfang ihrer Entwicklung.
2020: Warm, reif und zugänglich
2020 war früh, warm und trocken. Die Weine zeigen häufig eine intensive Frucht und vergleichsweise offene Strukturen.
Riesling kann kraftvoll und gelbfruchtig ausfallen. In kühleren Lagen und bei früher Lese blieb ausreichend Säure erhalten. Spätburgunder erreichte eine gute Reife und entwickelte geschmeidige Gerbstoffe.
Der Jahrgang ist meist zugänglicher als 2019. Große Lagenweine besitzen dennoch genügend Substanz für eine mittlere bis lange Reifung.
2021 und 2022: Zwei gegensätzliche Jahre
2021 war kühl, feucht und arbeitsintensiv. Eine strenge Selektion war erforderlich, doch gute Erzeuger produzierten präzise Rieslinge mit lebendiger Säure und moderatem Alkohol.
2022 war heiß und trocken. Alte Reben und tiefgründige Böden halfen, die Wasserversorgung aufrechtzuerhalten. Die Weine zeigen reife Frucht und Konzentration.
Die besten 2022er bewahren trotz der Wärme Frische und Balance. Bei weniger günstigen Lagen können Alkohol und Reife deutlicher hervortreten.
Welche Rheinhessen-Jahrgänge sollte man kaufen?
Für trockenen Riesling sind 2007, 2012, 2016, 2017, 2019 und 2021 besonders interessant, wenn ein präziser und frischer Stil gewünscht wird. 2009, 2011, 2015, 2018, 2020 und 2022 fallen meist reifer und kräftiger aus.
Bei Spätburgunder bieten 2009, 2015, 2018, 2019, 2020 und 2022 gute Voraussetzungen. Für Silvaner sind 2012, 2016, 2017, 2019 und 2021 besonders reizvoll.
Hochwertige trockene Rieslinge können zehn bis zwanzig Jahre reifen. Große Spätburgunder entwickeln sich häufig über zehn Jahre oder länger. Einfachere Gutsweine sind normalerweise für einen früheren Genuss bestimmt.
Lage und Erzeuger sind wichtiger als eine pauschale Note
Rheinhessen ist zu vielfältig für eine einzige Jahrgangsbewertung. Ein warmer Jahrgang wirkt am Roten Hang anders als auf einem kühleren Kalksteinplateau.
Der Erzeuger entscheidet mit Weinbergsarbeit, Erntezeitpunkt und Ausbau darüber, ob ein Wein die Stärken des Jahres nutzt. Wer Jahrgang, Lage und Weinstil gemeinsam betrachtet, findet in Rheinhessen einige der präzisesten und langlebigsten trockenen Weine Deutschlands.