Die älteste Flasche Wein der Welt

Die Geschichte der Speyerer Weinflasche aus dem 4. Jahrhundert

True Wine Redaktion 6 Min. Lesezeit Geschichte
Die älteste Flasche Wein der Welt
Sie hat den Untergang des Römischen Reiches, das gesamte Mittelalter und den Beginn der modernen Weinwelt überdauert: Die Speyerer Weinflasche ist fast 1.700 Jahre alt und enthält noch immer eine Flüssigkeit. Häufig wird sie deshalb als älteste ungeöffnete Weinflasche der Welt bezeichnet.
Das außergewöhnliche Gefäß stammt aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Es wurde 1867 bei Ausgrabungen eines römischen Grabes in der Nähe von Speyer entdeckt. Seitdem fasziniert die Flasche nicht nur Weinliebhaber, sondern auch Archäologen und Historiker. Ihr Inhalt dürfte mit dem Wein, den wir heute trinken, kaum noch vergleichbar sein. Dennoch ermöglicht das Fundstück einen einzigartigen Blick auf die Wein- und Bestattungskultur der Spätantike.

Ein außergewöhnlicher Fund bei Speyer

Im Jahr 1867 stießen Archäologen in der Nähe von Speyer auf ein spätrömisches Grab. Darin befanden sich zwei steinerne Sarkophage mit den Überresten eines Mannes und einer Frau. Zahlreiche Glasgefäße waren den Verstorbenen als Grabbeigaben mitgegeben worden.
Solche Beigaben waren in der römischen Welt nicht ungewöhnlich. Nahrung, Getränke, Schmuck und persönliche Gegenstände sollten den Verstorbenen auf ihrer Reise ins Jenseits begleiten oder ihren gesellschaftlichen Rang sichtbar machen.
Unter den gefundenen Gefäßen befanden sich mehrere Flaschen, die ursprünglich Flüssigkeiten enthalten hatten. Nur eine von ihnen hatte ihren Inhalt über die Jahrhunderte bewahrt. Heute ist sie als Speyerer Weinflasche oder Römerwein von Speyer bekannt.
Die genauen Besitzer des Grabes sind nicht bekannt. Die aufwendige Grabanlage und die wertvollen Glasgefäße lassen jedoch vermuten, dass es sich um Angehörige einer wohlhabenden römischen Familie handelte.

Wie sieht die älteste Weinflasche aus?

Die Flasche besteht aus gelblich-grünem Glas und besitzt ein Fassungsvermögen von ungefähr 1,5 Litern. Damit ist sie größer als eine heutige Standardweinflasche. Ihr bauchiger Körper erinnert eher an eine kleine Amphore als an die zylindrischen Flaschen der Gegenwart.
Besonders auffällig sind ihre beiden kunstvoll gearbeiteten Henkel. Sie werden häufig als stilisierte Delfine beschrieben und verbinden den Flaschenhals mit dem Gefäßkörper. Das dekorative Design zeigt, dass es sich nicht um einen einfachen Alltagsbehälter handelte.
Glas war im Römischen Reich bereits verbreitet, hochwertige und verzierte Gefäße blieben jedoch kostbar. Die Herstellung erforderte spezialisierte Handwerker und kontrollierte Temperaturen. Die Speyerer Flasche ist daher nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch als Beispiel römischer Glaskunst von großer Bedeutung.

Was befindet sich heute noch in der Flasche?

Die Flüssigkeit in der Flasche ist längst kein klarer, aromatischer Wein mehr. Im unteren Teil befindet sich eine trübe, bräunliche Flüssigkeit. Darüber liegt eine festere, harzähnliche Schicht.
Nach der verbreiteten Interpretation enthielt das Gefäß ursprünglich Wein, der möglicherweise mit Kräutern oder anderen Zusätzen versetzt war. Solche Beimischungen waren in der Antike üblich. Wein konnte unter anderem mit Gewürzen, Honig, Harzen oder Heilpflanzen aromatisiert und haltbarer gemacht werden.
Eine Schicht aus Olivenöl sollte den Wein vor dem Kontakt mit Sauerstoff schützen. Da Öl leichter als Wein ist, schwamm es an der Oberfläche und bildete eine natürliche Barriere. Zusätzlich wurde die Flasche vermutlich mit Wachs verschlossen.
Diese Methode ersetzte den modernen luftdichten Flaschenverschluss. Korken in ihrer heutigen Form gehörten damals noch nicht zur üblichen Ausstattung von Weinflaschen.

Warum blieb der Inhalt so lange erhalten?

Das Überleben der Flüssigkeit ist das Ergebnis mehrerer außergewöhnlich günstiger Umstände. Die Öl- und Wachsschichten reduzierten den Luftaustausch. Das massive Glas blieb unbeschädigt, und das verschlossene Grab schützte die Flasche vor starken äußeren Einflüssen.
Auch die relativ stabilen Bedingungen im Boden dürften eine Rolle gespielt haben. Große Temperaturschwankungen, Licht und Bewegung hätten das Gefäß beschädigen oder seinen Verschluss lösen können.
Mit einer normalen Weinreifung hat dieser Prozess allerdings nichts zu tun. Selbst große Weine entwickeln sich nur über einen begrenzten Zeitraum positiv. Danach verlieren sie ihre Frucht, Struktur und Balance. In der Speyerer Flasche haben über viele Jahrhunderte chemische Veränderungen stattgefunden. Der ursprüngliche Alkohol und die charakteristischen Aromen des Weins dürften weitgehend verschwunden sein.
Die Flasche ist deshalb kein Beispiel für einen besonders lange gereiften Genusswein. Sie ist vor allem ein archäologisches Zeitzeugnis.

Ist die Speyerer Weinflasche wirklich die älteste der Welt?

Die Antwort hängt davon ab, was unter dem „ältesten Wein“ verstanden wird. Archäologen haben wesentlich ältere Spuren der Weinherstellung gefunden. Rückstände in Keramikgefäßen belegen, dass Menschen bereits vor mehreren Tausend Jahren Trauben vergoren.
Solche Funde bestehen jedoch meist aus chemischen Rückständen oder leeren Gefäßen. Die Speyerer Flasche ist etwas anderes: Sie ist ein noch verschlossenes Glasgefäß, in dem sich bis heute ein Teil des ursprünglichen Inhalts befindet.
Daher gilt sie weithin als älteste erhaltene, ungeöffnete Weinflasche der Welt. Das Historische Museum der Pfalz bezeichnet sie vorsichtiger als ältesten erhaltenen Rebenwein nördlich der Alpen. Diese Formulierung berücksichtigt, dass der weltweite Vergleich archäologischer Funde von Definitionen und neuen Entdeckungen abhängt.
Auch der Begriff „ältester trinkbarer Wein“ wäre irreführend. Es gibt deutlich jüngere historische Weine, die fachgerecht gelagert wurden und unter bestimmten Bedingungen noch verkostet werden können. Die Flüssigkeit in der Speyerer Flasche gehört nicht in diese Kategorie.

Könnte man den Wein noch trinken?

Theoretisch ließe sich die Flasche öffnen und ihr Inhalt untersuchen. Ob die Flüssigkeit gesundheitlich unbedenklich wäre, ist jedoch völlig unklar. Geschmacklich wäre sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr als Wein erkennbar.
Vor allem würde das Öffnen einen unwiederbringlichen Eingriff in ein einzigartiges Kulturgut darstellen. Der Verschluss, die Flüssigkeitsschichten und das ursprüngliche Gefäß bilden gemeinsam ein historisches Objekt. Sobald die Flasche geöffnet wäre, könnten Sauerstoff und Mikroorganismen ihren Inhalt schnell verändern.
Aus diesem Grund wurde sie bis heute nicht geöffnet. Moderne, berührungslose Untersuchungsmethoden können Informationen über das Glas und den Inhalt liefern, ohne den jahrhundertealten Verschluss zu zerstören. Der Erhalt des vollständigen Fundstücks besitzt dabei Vorrang vor der Frage, wie die Flüssigkeit schmecken könnte.

Was verrät die Flasche über römische Weinkultur?

Wein war im Römischen Reich weit mehr als ein Genussmittel. Er gehörte zum Alltag, zum Handel, zu religiösen Zeremonien und zu gesellschaftlichen Veranstaltungen. Qualität und Stil konnten sich allerdings erheblich unterscheiden.
Römische Weine wurden häufig mit Wasser verdünnt. Je nach Region und Zweck kamen Honig, Kräuter, Gewürze, Harz oder andere Zutaten hinzu. Amphoren dienten als wichtige Transport- und Lagergefäße. Glasbehälter wurden vor allem dort eingesetzt, wo Präsentation, Wertigkeit oder kleinere Mengen eine Rolle spielten.
Dass Wein in einem Grab platziert wurde, unterstreicht seine kulturelle Bedeutung. Das Getränk sollte möglicherweise als Wegzehrung für das Jenseits dienen oder an den Wohlstand und die Lebensweise der Verstorbenen erinnern.
Die Speyerer Flasche verbindet damit mehrere Geschichten: die Geschichte des römischen Weinbaus, die Entwicklung der Glasherstellung und den Umgang der Menschen mit Tod und Erinnerung.

Wo befindet sich die Flasche heute?

Die Speyerer Weinflasche gehört zur Sammlung des Historischen Museums der Pfalz in Speyer. Dort wurde sie über viele Jahre im Weinmuseum präsentiert.
Da Ausstellungen renoviert oder neu gestaltet werden können, empfiehlt es sich, vor einem Besuch zu prüfen, ob das Original aktuell zugänglich ist. Unabhängig von seiner jeweiligen Präsentation bleibt das Gefäß eines der bekanntesten weinhistorischen Objekte Europas.

Ein flüssiges Fenster in die Antike

Die älteste erhaltene Weinflasche ist nicht deshalb faszinierend, weil ihr Inhalt noch genießbar wäre. Ihre Bedeutung liegt in der beinahe unglaublichen Verbindung zwischen Gegenwart und Antike.
Fast 1.700 Jahre nach ihrer Herstellung befindet sich die Flasche noch immer in ihrem ursprünglichen, verschlossenen Zustand. Sie erinnert daran, dass Wein bereits lange vor modernen Weingütern, Flaschenetiketten und kontrollierten Kellern ein wichtiger Teil des menschlichen Lebens war.
Der Römerwein von Speyer ist damit weniger ein alter Jahrgang als eine Zeitkapsel: ein zerbrechliches Gefäß, in dem sich Weinwissen, Handwerkskunst und die Vorstellungen einer längst vergangenen Gesellschaft erhalten haben.