Investmentweine 2022: Was aus der damaligen Auswahl wurde

Was eine alte Empfehlungsliste über Marktzyklen, Liquidität und die Auswahl von Fine Wine verrät

True Wine Redaktion 7 Min. Lesezeit Investment
Investmentweine 2022: Was aus der damaligen Auswahl wurde
Im Jahr 2022 veröffentlichte True Wine eine Liste mit zehn Weinen, die Sammler angeblich kaufen sollten. Die Auswahl reichte von extrem seltenen Burgundern über kalifornische Kultweine und Bordeaux bis zu vergleichsweise günstigen Weißweinen von der Loire und aus dem Elsass.
Der damalige Untertitel bezeichnete diese Weine sogar als „sicheres Investment“. Diese Aussage war zu weitgehend. Kein Wein ist eine sichere Kapitalanlage. Selbst international bekannte Fine Wines können über mehrere Jahre an Wert verlieren.
Der Rückblick ist gerade deshalb interessant. Er zeigt, wie schnell konkrete Preisangaben veralten, warum gute Weine nicht automatisch gute Investments sind und welche Auswahlkriterien auch Jahre später Bestand haben.

Der Fine-Wine-Markt nach 2022

Die ursprüngliche Liste erschien am Ende einer starken Marktphase. In den Jahren zuvor hatten insbesondere Burgund und Champagne erhebliche Preissteigerungen erlebt. Danach setzte auf breiter Front eine Korrektur ein.
Die Liv-ex-Indizes verdeutlichen diesen Zyklus. Im Juli 2026 lagen mehrere wichtige Regionalindizes auf Sicht von zwei Jahren noch im Minus. Auch der breite Fine Wine 1000 hatte über zwei und fünf Jahre nachgegeben. Burgund, Champagne und Italien zeigten je nach Zeitraum unterschiedliche Entwicklungen; Bordeaux und die Rhône standen stärker unter Druck.
Diese Zahlen beziehen sich auf Marktsegmente, nicht auf die einzelnen Flaschen der damaligen Liste. Sie zeigen jedoch: Die Annahme, bekannte Fine Wines würden mit zunehmendem Alter nahezu automatisch teurer, ist falsch.

1. Domaine Leroy Chambertin Grand Cru 2013

Domaine Leroy gehört zu den teuersten und begehrtesten Erzeugern des Burgunds. Chambertin Grand Cru wird nur in sehr kleinen Mengen erzeugt. Reputation und Knappheit sprechen grundsätzlich für eine starke Sammlernachfrage.
Gerade diese Eigenschaften machen den Wein aber schwierig. Der sehr hohe Flaschenpreis führt zu einem erheblichen Konzentrationsrisiko. Der potenzielle Käuferkreis ist klein, die Provenienz muss zweifelsfrei sein und die Gefahr von Fälschungen ist hoch.
Der damalige Preis von 19.603 US-Dollar war lediglich eine Momentaufnahme. Ohne Angabe der Preisquelle, des Flaschenzustands, des Handelsplatzes und des Gebotsniveaus war er nicht ausreichend belastbar. Domaine Leroy bleibt ein bedeutender Sammlername – aber kein unkompliziertes Investment.

2. Domaine de la Romanée-Conti Richebourg 2015

Richebourg von Domaine de la Romanée-Conti besitzt eine ähnlich starke internationale Stellung. Der ausgezeichnete Jahrgang 2015, die geringe Produktion und der Name DRC sorgen für Aufmerksamkeit.
Auch hier gelten hohe Zugangshürden. Bei einer Flasche im vier- oder fünfstelligen Bereich entscheidet bereits eine relativ kleine Preisbewegung über erhebliche absolute Beträge. Zudem ist der Wein für Fälscher attraktiv.
Als Marktbeobachtung ist DRC relevant. Für ein ausgewogenes Portfolio kann eine einzelne sehr teure Flasche jedoch zu viel Kapital binden. Der Wein eignet sich eher für erfahrene Sammler, die Provenienz und Marktpreis professionell prüfen können.

3. Screaming Eagle Cabernet Sauvignon 2012

Screaming Eagle gehört zu den bekanntesten Kultweinen Kaliforniens. Kleine Zuteilungen, hohe Bewertungen und eine kaufkräftige US-Kundschaft schufen einen internationalen Sekundärmarkt.
Liv-ex berücksichtigt Screaming Eagle im California 50. Dieser Index verfolgt die zehn jüngsten physischen Jahrgänge der fünf aktivsten kalifornischen Weine.
Die Entwicklung des California 50 seit 2022 zeigt jedoch, dass auch etablierte Napa-Kultweine Marktphasen mit sinkenden Preisen erleben können. Hinzu kommen für europäische Käufer Währungs-, Transport- und Steuerfragen.
Screaming Eagle bleibt sammelwürdig. Der Einstiegspreis und der konkrete Verkaufsweg sind aber wichtiger als die frühere Kursentwicklung.

4. Harlan Estate 2013

Harlan Estate besitzt ebenfalls Kultstatus im Napa Valley. Der Jahrgang 2013 gilt in Kalifornien als sehr stark und brachte konzentrierte, langlebige Weine hervor.
Harlan Estate gehört neben Screaming Eagle, Opus One, Dominus und Ridge Monte Bello zum California 50. Das ist ein Hinweis auf einen vorhandenen Sekundärmarkt, aber keine Garantie für Liquidität zu jedem Preis.
Im Vergleich zu großen Bordeaux-Marken ist der Käuferkreis enger. Für europäische Sammler kann ein späterer Verkauf in den amerikanischen Markt wirtschaftlich sinnvoller sein, verursacht aber möglicherweise zusätzliche Kosten.

5. Château Lafite Rothschild 2009

Lafite Rothschild 2009 war innerhalb der Liste einer der marktbreitesten Weine. Bordeaux-Premiers werden international gehandelt, verfügen über dokumentierte Preise und werden in größeren Mengen produziert als seltene Burgunder.
Der Jahrgang 2009 besitzt einen ausgezeichneten Ruf und ist inzwischen in einer interessanten Reifephase. Dennoch hat gerade Bordeaux nach dem Höhepunkt früherer Marktzyklen längere Schwächephasen erlebt.
Lafite zeigt, warum Marke und Qualität allein nicht genügen. Wer zu einem überhöhten Preis kauft, kann trotz eines großen Jahrgangs viele Jahre auf eine positive Rendite warten.

6. Giacomo Conterno Monfortino 2014

Monfortino ist einer der berühmtesten Barolo Riserva. Giacomo Conterno erzeugt den Wein nur in geeigneten Jahren und bringt ihn erst nach langer Fassreife auf den Markt.
Der Jahrgang 2014 war im Piemont anspruchsvoll, wurde bei Barolo jedoch differenzierter bewertet als in einigen anderen italienischen Regionen. Herausragende Erzeuger konnten überzeugende Weine produzieren.
Monfortino besitzt Knappheit, Reputation und Lagerfähigkeit. Der Markt ist allerdings schmaler als bei den großen Bordeaux-Namen. Für eine belastbare Bewertung müssen tatsächliche Gebote und Verkäufe betrachtet werden, nicht nur internationale Händlerangebote.

7. Château Margaux 2019

Château Margaux 2019 war zum Zeitpunkt der ursprünglichen Liste noch sehr jung. Der Wein stammt aus einem angesehenen Jahrgang und verbindet Markenstärke mit einem langen erwarteten Trinkfenster.
Als Bordeaux-Premier gehört Margaux zu den am besten dokumentierten Weinen des Sekundärmarktes. Der Kauf eines jungen Weins birgt dennoch ein besonderes Risiko: Die künftige Nachfrage und die relative Bewertung gegenüber anderen starken Jahrgängen sind noch nicht vollständig sichtbar.
Interessant ist daher nicht nur die Qualität des 2019ers, sondern sein Preisabstand zu 2015, 2016, 2018 oder 2020. Der attraktivste Jahrgang ist wirtschaftlich nicht immer der höchstbewertete.

8. Dom Pérignon 2006

Dom Pérignon ist eine weltweit bekannte Prestige-Cuvée mit einem vergleichsweise breiten Käuferkreis. Der Jahrgang 2006 besitzt inzwischen Reife, ist aber noch in nennenswerten Mengen erhältlich.
Champagne entwickelte sich zeitweise zu einem der stärksten Segmente des Fine-Wine-Marktes. Nach deutlichen Preissteigerungen folgte jedoch auch hier eine Korrektur.
Dom Pérignon ist leichter handelbar als viele Weine der ursprünglichen Liste. Die größere Produktion begrenzt aber die Knappheit. Entscheidend sind Einkaufspreis, Zustand, Originalverpackung und Format.

9. Zind-Humbrecht Pinot Gris Rangen de Thann 2015

Der Pinot Gris Rangen de Thann Clos Saint Urbain von Zind-Humbrecht ist ein hochwertiger, langlebiger Terroirwein aus dem Elsass. Weinfachlich ist seine Aufnahme nachvollziehbar.
Als Investment besitzt er jedoch einen deutlich schmaleren Markt. Es gibt weniger internationale Käufer, weniger dokumentierte Transaktionen und größere Spannen zwischen Händlerangebot und realisierbarem Verkaufspreis.
Der Wein eignet sich sehr gut für eine genussorientierte Sammlung. Als reines Investment müsste nachgewiesen werden, dass die erwartete Wertsteigerung sämtliche Lager- und Verkaufskosten übertrifft.

10. Domaine Huet Vouvray Le Mont Sec 2019

Domaine Huet zählt zu den bedeutendsten Erzeugern der Loire. Le Mont Sec kann hervorragend reifen und bietet im Verhältnis zu vielen berühmten Fine Wines einen niedrigen Einstiegspreis.
Genau dieser niedrige Preis erschwert jedoch den Investmentansatz. Lager-, Versand- und Verkaufsgebühren können einen großen Teil einer möglichen Wertsteigerung aufzehren. Eine einzelne Flasche im zweistelligen Preisbereich ist wirtschaftlich kaum effizient handelbar.
Le Mont Sec ist ein ausgezeichneter Kellerwein und kann ein sinnvoller Bestandteil einer vielfältigen Trink- und Genusskollektion sein. Das macht ihn aber noch nicht zu einem liquiden Investmentwein.

Was war an der damaligen Liste problematisch?

Die Liste vermischte drei unterschiedliche Kategorien:
  1.  international gehandelte Investmentweine, 
  2.  seltene Kultweine mit sehr kleinem Käuferkreis, 
  3.  hochwertige Weine für eine genussorientierte Sammlung. 
Diese Kategorien können sich überschneiden, sind aber nicht identisch. Außerdem fehlten:
  •  Quellen für die angegebenen Preise, 
  •  Datum und Handelsplatz der Bewertung, 
  •  Angaben zu Gebinde, Zustand und Steuerstatus, 
  •  Kauf- und Verkaufsgebote, 
  •  Lager- und Transaktionskosten, 
  •  sowie eine klare Risikoeinordnung. 
Besonders problematisch war der Begriff „sicheres Investment“. Weinpreise können fallen, Käufer können fehlen und eine falsche Lagerung kann den Wert dauerhaft schädigen.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Rückblick

Die Qualität der Weine war überwiegend hoch. Die wirtschaftliche Qualität der Empfehlungen war dagegen sehr unterschiedlich.
Domaine Leroy, DRC, Screaming Eagle und Harlan Estate sind knapp, aber teuer und konzentriert. Lafite, Margaux und Dom Pérignon besitzen breitere Märkte. Monfortino ist hoch angesehen, aber weniger liquide. Zind-Humbrecht und Huet sind hervorragende Sammler- und Trinkweine, jedoch nur eingeschränkt als Investment geeignet.
Eine gute Investmentliste darf daher nicht nur bekannte Namen und Bewertungen aufzählen. Sie muss Marktbreite, Einstiegspreis, Provenienz, Kosten und Exit berücksichtigen.

Fazit

Die zehn Weine aus dem Jahr 2022 sind auch heute fachlich interessant. Sie erfüllen jedoch nicht alle dieselbe wirtschaftliche Funktion. Manche gehören zum internationalen Fine-Wine-Markt, andere vor allem in einen anspruchsvollen Genusskeller.
Der wichtigste Wert des alten Artikels liegt deshalb nicht in seinen damaligen Preisen, sondern in der Lehre, die sich daraus ziehen lässt: Ein großartiger Wein ist nicht automatisch ein gutes Investment – und ein bekannter Name schützt nicht vor einem zu hohen Einstiegspreis.

Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung oder aktuelle Kaufempfehlung dar.